Stell dir vor, du stehst auf einem Bein und schließt die Augen. Plötzlich wackelt alles. Deine Beine sind dieselben wie vor zwei Sekunden – aber dein Gehirn hat eine wichtige Informationsquelle verloren. Genau hier setzt Neuroathletik an.

Was im Gehirn passiert

Jede Bewegung beginnt im Gehirn. Damit es eine Bewegung sicher planen kann, braucht es Informationen aus drei Quellen:

  • Augen – sie sagen dem Gehirn, wo wir uns im Raum befinden.
  • Gleichgewichtsorgan im Innenohr – es meldet Drehungen, Beschleunigung und die Lage des Kopfes.
  • Propriozeption – Sensoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken melden, wo unsere Körperteile gerade sind.

Das Gehirn fügt diese Informationen ständig zusammen. Je klarer sie sind, desto sicherer fühlt es sich – und desto mehr Kraft, Beweglichkeit und Koordination gibt es frei. Sind die Signale unklar, reagiert es vorsichtig: mit Anspannung, eingeschränkter Beweglichkeit oder Unsicherheit.

Neuroathletik: Training für die Systeme dahinter

Neuroathletik – auch neurozentriertes Training genannt – nimmt genau diese Systeme in den Blick. Statt nur Muskeln zu kräftigen, trainieren wir Augenbewegungen, Gleichgewicht und Körperwahrnehmung. Das klingt ungewohnt, hat aber eine solide Grundlage: In der Behandlung von Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind Übungen für Augen und Gleichgewicht seit Jahren fester Bestandteil. Eine aktuelle Leitlinie bewertet die Evidenz für dieses sogenannte vestibuläre Training bei Menschen mit eingeschränkter Gleichgewichtsfunktion als stark (Hall et al. 2022).

Wichtig ist dabei ein Detail aus derselben Leitlinie: Reine Augenbewegungen ohne Kopfbewegung reichen für die Blickstabilität nicht aus. Es kommt auf die Kombination an – und darauf, dass die Übung zur Person passt.

Testen – Üben – Nachtesten

Genau deshalb arbeite ich nach einem einfachen Prinzip: Vor einer Übung testen wir etwas Messbares – zum Beispiel, wie weit du dich nach vorn beugen kannst oder wie sicher du auf einem Bein stehst. Dann folgt die Übung, danach testen wir erneut. Wird es besser, behalten wir die Übung. Wird es schlechter, lassen wir sie weg. So entsteht Schritt für Schritt ein Training, das wirklich zu deinem Nervensystem passt.

Bewegung ist Gehirnnahrung

Bewegung trainiert nicht nur Muskeln, sondern auch das Gehirn selbst. In einer bekannten randomisierten Studie mit 120 älteren Erwachsenen vergrößerte regelmäßiges Ausdauertraining den Hippocampus – eine Region, die für das Gedächtnis zentral ist – um rund zwei Prozent, und das räumliche Gedächtnis verbesserte sich (Erickson et al. 2011). Das Gehirn bleibt also ein Leben lang formbar.

Neuro-Life-Hack: Der Blick-Test

  1. Test: Stell dich aufrecht hin und beuge dich langsam mit gestreckten Beinen nach vorn. Merke dir, wie weit du kommst.
  2. Übung: Strecke einen Daumen vor dir aus und schau ihn an. Bewege nun den Kopf langsam zehnmal nach links und rechts, während dein Blick auf dem Daumen bleibt.
  3. Nachtest: Beuge dich noch einmal nach vorn. Kommst du weiter, fühlt es sich leichter an – oder enger?

Beides ist eine wertvolle Information. Wird dir bei der Übung schwindelig, hör auf und lass das ärztlich abklären.

Und was hat das mit Pferden zu tun?

Auf dem Pferderücken arbeiten Augen, Gleichgewicht und Körperwahrnehmung ununterbrochen zusammen. Deshalb verbinde ich in der Reit- und Bewegungstherapie neurozentrierte Übungen mit der Bewegung des Pferdes. Wer mehr darüber hören möchte: In Folge 108 der Philipp Rey Show erkläre ich Neuroathletik ausführlich.

Quellen

  • Hall CD et al. (2022): Vestibular Rehabilitation for Peripheral Vestibular Hypofunction: An Updated Clinical Practice Guideline. J Neurol Phys Ther 46(2):118–177. doi:10.1097/NPT.0000000000000382
  • Erickson KI et al. (2011): Exercise training increases size of hippocampus and improves memory. PNAS 108(7):3017–3022. doi:10.1073/pnas.1015950108

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.