Wer mit Multipler Sklerose lebt, kennt das oft: Das Gleichgewicht wird unsicherer, die Erschöpfung kommt schneller, die Beine wollen nicht so wie der Kopf. Immer wieder werde ich gefragt: Kann Reiten da wirklich etwas bewirken? Schauen wir uns an, was die Forschung sagt.

Warum gerade das Pferd?

Im Schritt bewegt sich der Pferderücken rhythmisch in drei Richtungen: nach vorn und hinten, nach oben und unten, nach links und rechts. Dieses Bewegungsmuster ähnelt dem menschlichen Gehen. Wer auf dem Pferd sitzt, muss diese Bewegung ständig ausbalancieren – das Gleichgewichtssystem, die Rumpfmuskulatur und die Körperwahrnehmung arbeiten ununterbrochen, ohne dass man selbst gehen muss.

Die wichtigste Studie kommt aus Deutschland

In der MS-HIPPO-Studie wurden 70 Erwachsene mit MS aus fünf deutschen Zentren zufällig zwei Gruppen zugeteilt: Die eine Gruppe erhielt zwölf Wochen lang Hippotherapie zusätzlich zur üblichen Behandlung, die andere nur die übliche Behandlung (Vermöhlen et al. 2018). Die Ergebnisse:

  • Das Gleichgewicht verbesserte sich in der Hippotherapie-Gruppe messbar stärker – besonders deutlich bei Menschen mit stärkeren Einschränkungen.
  • Erschöpfung (Fatigue) und Spastik nahmen ab.
  • Die Lebensqualität stieg deutlich, körperlich wie seelisch.

Ehrlich gehört dazu: Der Effekt auf das Gleichgewicht lag knapp unter der Schwelle, ab der Fachleute von einer klinisch bedeutsamen Veränderung sprechen.

Was die Übersichtsarbeiten zeigen

Mehrere systematische Reviews haben die vorhandenen Studien zusammengefasst:

  • Eine Metaanalyse fand günstige Effekte auf das Gleichgewicht im Stand, auf Lebensqualität und Fatigue – nicht aber auf das Gehen und das Gleichgewicht in Bewegung. Die Autorinnen und Autoren empfehlen Hippotherapie als ergänzenden Baustein der Versorgung (Suárez-Iglesias et al. 2021).
  • Eine weitere Übersicht kommt zu positiven Ergebnissen, mahnt aber zur Vorsicht, weil die Studien sehr unterschiedlich aufgebaut sind (Lavín-Pérez et al. 2022).
  • Eine große Netzwerk-Metaanalyse zu Bewegung bei MS sieht Krafttraining als wirksamste Maßnahme gegen Fatigue; Hippotherapie und Koordinationstraining gelten als vielversprechend, brauchen aber weitere hochwertige Studien (Yang et al. 2025).

Was bedeutet das für dich?

Die Studienlage ist ermutigend, aber nicht übermächtig. Reittherapie ist kein Wundermittel – sie kann ein sinnvoller Baustein neben Medikamenten, Physiotherapie und Krafttraining sein. Wie bei jeder Bewegungstherapie gilt: Was dir guttut, ist individuell. Deshalb teste ich in meiner Arbeit vor und nach einer Übung, wie dein Körper reagiert, und passe das Programm daran an.

Spannend ist auch eine Zahl, die oft übersehen wird: MS betrifft deutlich mehr Frauen als Männer. Warum das so ist, schauen wir uns in einem eigenen Beitrag zur Gendermedizin an.

Neuro-Life-Hack: Gleichgewicht im Alltag

Stell dich beim Zähneputzen hinter einen stabilen Stuhl, an dem du dich jederzeit festhalten kannst, und verlagere dein Gewicht langsam von einem Bein auf das andere. Fühlt sich das sicher an, hebe ein Bein für einige Sekunden leicht an. Zwei Minuten am Tag reichen, um dem Gleichgewichtssystem regelmäßig neue Reize zu geben. Bitte nur so weit, wie es sich sicher anfühlt.

Wenn du wissen möchtest, ob die Reit- und Bewegungstherapie für dich in Frage kommt, sprich mich gern an.

Quellen

  • Vermöhlen V et al. (2018): Hippotherapy for patients with multiple sclerosis: A multicenter randomized controlled trial (MS-HIPPO). Mult Scler 24(10):1375–1382. doi:10.1177/1352458517721354
  • Suárez-Iglesias D et al. (2021): Effectiveness of equine-assisted therapies for improving health outcomes in people with multiple sclerosis: A systematic review and meta-analysis. Mult Scler Relat Disord. doi:10.1016/j.msard.2021.103161
  • Lavín-Pérez AM et al. (2022): Benefits of Equine-Assisted Therapies in People with Multiple Sclerosis: A Systematic Review. Evid Based Complement Alternat Med. doi:10.1155/2022/9656503
  • Yang et al. (2025): Effects of exercise on fatigue and quality of life in multiple sclerosis: a network meta-analysis and systematic review. J Neurol. doi:10.1007/s00415-025-13368-7

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Reittherapie kann eine neurologische Behandlung ergänzen, aber nicht ersetzen. Sprich mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen, bevor du ein neues Angebot ausprobierst.